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Journal

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29./30.11.2011
Traum:
Jenseits der Wirklichkeit der Lebenden oder parallel dazu existiert die Wirklichkeit der Toten. Im Alltag befinden sich die Toten beispielsweise in einem geheimen Schrank in der Wand, hinter einem Spiegel, unter dem Boden usw. Ich lebe in der Wirklichkeit der Lebenden und muss mich vor den Toten in Acht nehmen, da diese die Lebenden töten und die Wirklichkeit der Lebenden übernehmen wollen. Nach und nach werden alle Lebenden umgebracht und wechseln in die Wirklichkeit der Toten, während die Toten in die Wirklichkeit der Lebenden wechseln. Mit der Zeit kehrt sich alles um. Nun befinden wir Lebenden uns in geheimen Schränken, hinter Spiegeln oder unter dem Boden. Und nun müssen wir nach und nach die Toten töten, um die Wirklichkeit der Lebenden wieder übernehmen zu können.


01.07.2013

Gestern bin ich der Lüge begegnet. Sie hockte in einer Grube, die sie andern gegraben hatte. Sie hockte im Schlamm und weinte. Ich wollte sie trösten, doch sie erwiderte: „Lass mich, ich bin glücklich!“ Da ich annehmen musste, dass sie log, nahm ich sie in den Arm. „Ich bin so traurig“, sagte sie nun. So ist das mit der Lüge.


23.02.2014
Ich erinnere mich an einen Augenblick meiner Kindheit, der mich mit Ruhe und Glück erfüllte. Ich sass auf der Schaukel im Garten des Elternhauses, es war Tag, der Himmel mit weissen und grauen Wolken gesprenkelt, es ging ein sanfter Wind, ich vermute mal, es war Frühling oder Herbst, jedenfalls war es eher kühl. Und es war still. Ich sass da auf der Schaukel und schwang leicht vor und zurück, die Quartierstrasse unterhalb des Hauses war menschenleer, vielleicht hatten wir Sonntag, eher Nachmittag, und ich fühlte mich eins mit der Welt. Verheissung lag in der Luft, zukünftige Abenteuer, grosse Entdeckungen und Erlebnisse, doch jetzt war es noch nicht so weit. Ich war die Ruhe selbst, war zufrieden, ja glücklich. Auf einmal ahnte ich, in diesem Augenblick bin ich zu Hause, in diesem Gefühl der Erhabenheit bin ich aufgehoben, geborgen. Und da war noch etwas anderes, das ich empfand: Langeweile. Eine lange Weile, die mich nicht anödete oder gar ärgerte, sondern beruhigte und entspannte. Diese gewisse Stimmung, dieses ferne Glück des Kindes vermisse ich heute sehr. Nur manchmal streift mich eine Ahnung davon – wenn ich einen sanften Frühlings- oder Herbstwind auf dem Gesicht spüre und die Wolken über mir den Himmel weiss und grau sprenkeln …


07.07.2014
Liebe und Hass: dasselbe. Sieg und Niederlage: dasselbe. Der Kreis ist gezogen, alles ist eins, alles ist nichts. Nur das Mass der Mitte entzieht sich demselben.

 

 

     
   
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Peter Fahr
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