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Ohnmacht

Daniel war ein zierlicher Junge, nett, liebenswürdig, von Statur eher schmächtig und stroh-blond. Wenn die andern miteinander spielten, stand er immer etwas abseits und schaute ihnen mit geringem Interesse zu. Versunken in eine eigene, unergründbare Wirklichkeit, schien er der Welt entrückt. Er war folgsam und daher bei Eltern und Lehrern sehr beliebt. Ohne zu murren erledigte er, was ihm aufgetragen wurde. Die Schulaufgaben meisterte er glänzend, zuhause half er tatkräftig mit. Kurz, Daniel war ein Junge, an dem seine Erzieher ihre helle Freude hatten.
Mit acht Jahren begann er die Nägel zu kauen. Mit neun stand er nicht mehr abseits, sondern lag auf dem Bett in seinem Zimmer und verschlang Abenteuerromane. Mit zehn schrieb er die ersten Gedichte.
Mit elf wurde Daniel in ein Internat gesteckt. Für ihr begabtes Kind, so waren sich die Eltern einig, kam nur eine von Geistlichen geführte Bildungsanstalt in Frage. Dem Jungen teilten sie mit feierlicher Miene mit, wie sie sich seine Zukunft vorstellten, und dass sie erwarteten, dass er sie nicht enttäusche. Das Kind nickte und versprach, weiterhin anständig, strebsam und fleissig zu sein.
So wurde aus dem zwölfjährigen Musterschüler ein Musterzögling. Das Leben im Internat war hart, doch Daniel biss auf die Zähne und kaute die Nägel. Er gab sich grosse Mühe, auch in den neuen Fächern einer der besten zu werden. Mit Eifer vertiefte er sich in seine Studien, lernte Griechisch und Latein, büffelte Philosophie und Arithmetik und kam bei den Mitschülern bald einmal in Verruf, ein Streber zu sein. Er stand wieder abseits.
Die Priester waren sehr zufrieden mit ihm. Sie belohnten seine Leistungen mit guten Noten und übertrugen ihm das Amt des Obersakristans.
Der dreizehnte Geburtstag brachte die Wende in Daniels Leben. An diesem Tag entdeckte er die Begabung, mutwillig in Ohnmacht zu fallen. Diese Fähigkeit verwandelte den zierlichen, liebenswürdigen Jungen in einen unberechenbaren Lehrerschreck. Wurde er jetzt zu etwas gezwungen, breitete er die Arme aus und sackte zusammen. Dann standen die Erzieher vor seinem erschlafften Körper und waren machtlos.
Am Anfang entschied die Anstaltsleitung, dem Benehmen des widerspenstigen Zöglings kei-nerlei Aufmerksamkeit beizumessen. Man benachrichtigte die Eltern und legte ihnen nahe, den Sohn zurechtzuweisen. Als sie anreisten, fiel er in Ohnmacht.
Monate vergingen, und je öfter Daniel Widerstand leistete, desto problematischer wurde die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Sein Beispiel drohte Schule zu machen. Deshalb wurde ein Psychiater hinzugezogen. Mit dessen Hilfe gelang es den besorgten Geistlichen, dem Rebellen Herr zu werden; der Junge wurde aus dem Internat entfernt und zur Beobach-tung in eine Klinik überführt.
Daniel wehrte sich auf seine Weise; er fiel nun täglich in Ohnmacht. Die Flucht aus der Un-menschlichkeit endete freilich jedesmal mit einem bösen Erwachen. Als er einmal für kurze Zeit unbeaufsichtigt war, öffnete er die Balkontür, kletterte auf die Brüstung, breitete die Arme aus, sprang und fiel vom achten Stockwerk in den ewigen Schlaf.


     
   


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Peter Fahr
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